Im Kanton Solothurn wurde eine Mahnwache für die vielen Hunde organisiert, die in einem kritischen Zustand aufgefunden und später eingeschläfert wurden. Die Geste hat ebenso viel Mitgefühl wie Ablehnung ausgelöst. Einige Internetnutzer empfinden es fast als unangebracht, dass Menschen sich für Tiere versammeln. Doch diese Reaktion verdient eine ruhige Betrachtung, denn sie berührt einen sensiblen Aspekt unseres Verhältnisses zum Lebendigen.

Ein Ritual, selbst ein bescheidenes, ist niemals eine leere Geste. Es drückt die Weigerung aus, zu schnell zu vergessen, was geschehen ist. Es schafft Raum, um das Leiden anzuerkennen, auch wenn es Wesen betrifft, die nicht menschlich sind. Die Sozialwissenschaften zeigen seit Langem, dass Rituale nicht nur dazu dienen, der Verstorbenen zu gedenken, sondern auch der Gemeinschaft zu helfen, das Geschehene zu verstehen. Das hier ausgedrückte Mitgefühl ist daher keine Frage der Hierarchie, sondern der inneren Kohärenz. Es bedeutet, dass das Leiden eines lebendigen Wesens nicht auf einen einfachen administrativen Vorfall reduziert werden kann.

Empathie gegenüber Tieren schmälert nicht die Bedeutung des Menschen. Psychologische Studien zeigen, dass die durch tierisches Leid ausgelösten Emotionen nicht mit jenen konkurrieren, die wir für Menschen empfinden, sondern unsere Fähigkeit erweitern, Verletzlichkeit allgemein zu erkennen. Diese Geste der Anteilnahme abzulehnen, nur weil sie sich nicht an Menschen richtet, bedeutet, Mitgefühl in einen engen Rahmen zu sperren, obwohl es gerade dazu dient, gesellschaftliche Verbundenheit zu erhalten.

Die Mahnwache erinnert auch an eine klare Tatsache. Wenn so viele Hunde eingeschläfert werden mussten, dann liegt ein Versagen der Aufsicht und Kontrolle vor. Die Anteilnahme ersetzt keine konkreten Maßnahmen, um solche Situationen künftig zu verhindern, doch sie verhindert, dass alles im Schweigen und Vergessen verschwindet. Sie setzt ein Zeichen. Sie macht sichtbar, dass das festgestellte Leiden real war und Anerkennung verdient.

Im Grunde geht es nicht darum, ob Hunde so viel wert sind wie Menschen. Es geht darum, was es über uns aussagt, wenn wir einen Moment innehalten, um das Leiden des Lebendigen zu betrachten. Die Mahnwache ist weder sentimental noch naiv. Sie zeugt von einem ethischen Bewusstsein, das Gläubige wie Nichtgläubige verbindet. Sie zeigt, dass Würde nicht auf eine Liste von Arten reduziert werden kann, sondern eine Art ist, die Welt verantwortungsvoll zu betrachten.


Quellen:

Penn State University (“Are people more willing to empathize with animals or with other humans?”)
 https://www.psu.edu/news/story/are-people-more-willing-empathize-animals-or-other-humans

Exploring narcissism and human- and animal-centered empathy in pet owners
 https://www.frontiersin.org/journals/psychology/articles/10.3389/fpsyg.2023.1087049/full?gad_source=1&gad_campaignid=23178707225&gclid=Cj0KCQiAoZDJBhC0ARIsAERP-F9gJw48gvIg38c4M_hjVbb5IdEM-5OhQdMh0ejq7Q2zuzyM_TslLVgaAhyLEALw_wcB


 A Comparison of Empathy for Humans and Empathy for Animals
 https://www.researchgate.net/publication/275821308_A_Comparison_of_Empathy_for_Humans_and_Empathy_for_Animals